31 maj 1999
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Wien
Horst Christoph
DASS DIE GESELLSCHAFT DIE KUNST FÜRCHTET
Interview. Gottfried Helnwein über seine späte Entdeckung der Renaissance und den Performance-Künstler Muhammad Ali.
Helnwein: "Mich hat der ganze Kulturbetrieb nicht interessiert. Ich war als Kind von Comics fasziniert, und den Rolling Stones und Jimi Hendrix, und ich habe mir immer gesagt, so müsste man auch malen können. Ich habe natürlich am Anfang Bilder gemacht, die ausgestellt werden sollten, aber ich habe immer das Gefühl gehabt, dass das noch nicht alles sein kann." "Mich hat immer Unzufriedenheit mit dem, was ich gerade mache, weitergebracht. So habe ich Anfang der achtziger Jahre einen radikalen Schnitt vollzogen. Und ich bin mit meiner Familie nach Deutschland gegangen - auf Distanz zum Bekannten, Vertrauten. Ich habe dabei eine ungeheure Freiheit empfunden und schlagartig anders gemalt. Erst aus der räumlichen und zeitlichen Distanz ist mir auch das Österreichische in meiner Arbeit bewusst geworden, und habe ich es kritisch weiterentwickeln können."
Helnwein working on "Angels Sleeping" series, Ireland
oil and acrylic on canvas, 2001
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Sie sind Anfang der siebziger Jahre mit dem Satz zitiert worden "Ich habe von Walt Disney mehr gelernt als Leonardo da Vinci". Ein damals provokantes Statement für einene Absolventen der ehrwürdigen Wiener Akademie der bildenden Künste am Schillplatz. Unterschreiben Sie den Satz heute noch?
Helnwein:
Er stimmt nur noch zum Teil. Ich sehe die Dinge heute viel differenzierter.
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Es ging um die Grenzen zwischen E- und U-Kunst, zwischen sogenannter ernster und sogenannter Unterhaltungskunst, die Sie strikt ablehnten?
Helnwein:
Das hat für mich mehr denn je Gültigkeit.
Alles, was ich inzwischen erlebt habe, bestätigt, dass diese Unterscheidung willkürlich und falsch ist.
Es gab da inzwischen im Museum of Modern Art in New York diese Ausstellung "High and Low". Da sind die Kunstexperten von ihrem Olymp heruntergestiegen und haben die Comics genauso Ernst genommen wie die Kultbilder, zu denen sie Roy Lichtenstein aufgeblasen hat. Der "Witzezeichner" Robert Crumb wurde plötzlich als grosser Künstler entdeckt, dessen Arbeiten heute immense Preise erzielen. Oder nehmen Sie den Grenzgänger Oliviero Toscani mit seinen Benetton-Plakaten - das ist aufregender als vieles, was in den grossen Museen hängt.
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Was hat Sie selbst zur U-Kunst oder Low-art gebracht?
Helnwein:
Mich hat der ganze Kulturbetrieb nicht interessiert. Ich war als Kind von Comics fasziniert, und den Rolling Stones und Jimi Hendrix, und ich habe mir immer gesagt, so müsste man auch malen können. Ich habe natürlich am Anfang Bilder gemacht, die ausgestellt werden sollten, aber ich habe immer das Gefühl gehabt, dass das noch nicht alles sein kann. Und dann kam mir die Idee, ein Bild für ein Zeitschriften-Cover zu machen, für Profil. Das war für mich so eine Sternstunde. Ich habe gedacht, das ist phantastisch, da liegt mein Bild in allen Trafiken (=Kiosken) und jeder, der dort mit fadem Auge seine Zigaretten kauft, muss wenigstens kurz draufschaun. Ich habe das als eine Art Ausstellung gesehen, die in ganz Österreich lief.
profil:
Das war 1973, und Sie haben in den folgenden Jahren für alle internationalen Top-Magazine gearbeitet, von "Spiegel" und "Stern" bis "L'Espresso" und "Time". Wie ist das im Einzelfall vor sich gegangen?
Helnwein:
Ich war ja kein Gebrauchsgrafiker oder Illustrator, sondern ich habe einfach die Magazine für meine Themen missbraucht...
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Physische Gewalt, Verletzung, Folter...
Helnwein:
...und die Magazine haben mich benützt fuer ihre Coverstories über Selbstmord, Manipulation der Intelligenz, ärztliche Kunstfehler, Drogen, Angst...
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Ihre Themen - die verdrängte, versteckte und perfide Gewalt, als deren Opfer Sie immer wieder das Kind ausfindig machten - waren damals tatsächlich Generalgegenstand der kritischen Medien: als Korrektur zur Zukunftseuphorie und zur Verdrängung der Vergangenheit, wie sie in Österreich fuer die Kreisky-Ära typisch waren?
Helnwein:
Ich habe damals einen profil-Cartoon über die Tötung von Kindern unter dem NS-Psychiater Heinrich Gross gemalt: dem Kopf eines Kindes in einem Teller mit vergiftetem Speisen. Jetzt, nach zwei Jahrzehnten, have ich das Foto von so einem Kind, präpariert in Formaldehyd, gesehen. Es hat genauso ausgesehen wie das auf meinem Bild.
profil:
War es schwer, Ihre Titelbilder zu verkaufen? Ihr zweites profil-Cover - ein zwischen Erwachsenenhänden gequetschter Kinderkopf zum Thema Intelligenzmanipulation - provozierte eine bis dahin nicht erlebte Leserempörung, inclusive Abbestellungen von Abonnements.
Helnwein:
Etwa zwei Drittel dessen, was ich gemacht habe, ist nie erschienen, weil es entweder zu extrem war oder nicht gepasst hat. Besonders der "Spiegel" war da sehr heikel. profil hat sich einiges mehr getraut.
profil:
Ihr Thema war und ist die alltägliche Gewalt.
Die hat auch - in seinen Siebdrucken über Autounfälle, Flugzeugabstürze oder elektrische Stühle - Andy Warhol behandelt.
Im Gegensatz zu ihm aber haben Sie Ihren Fotovorlagen einen Twist ins Unheimliche, Makabre gegeben, der Ihnen in den Medien den Titel "Schockmaler" eingetragen hat.
Helnwein:
Ich bin eben nicht in Amerika, sondern in Österreich aufgewachsen. Dieses Abgründige, Schwarze, der Schmerz, das ist schon sehr Österreichisch. Es ist halt kein Zufall, dass Sigmund Freud oder Leopold Ritter von Sacher-Masoch aus diesem Biotop kommen. Oder der Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt mit seinen grimassierenden "Charakterköpfen".
profil:
Die übrigens wiederum Arnuf Rainer fasziniert haben. Es erstaunt, dass Sie sich als österreichischer Künstler sehen; Sie haben doch Österreich den Rücken gekehrt.
Helnwein:
Mich hat immer Unzufriedenheit mit dem, was ich gerade mache, weitergebracht. So habe ich Anfang der achtziger Jahre einen radikalen Schnitt vollzogen. Ich habe mit den Covers aufgehört, endgültig, das was ausgereizt. Und ich bin mit meiner Familie nach Deutschland gegangen - auf Distanz zum Bekannten, Vertrauten. Ich habe dabei eine ungeheure Freiheit empfunden und schlagartig anders gemalt.
Erst aus der räumlichen und zeitlichen Distanz ist mir auch das Österreichische in meiner Arbeit bewusst geworden, und habe ich es kritisch weiterentwickeln können. Ich brauche die Distanz. Ganz im Gegensatz zu meinem immer noch besten Freund Manfred Deix. Der braucht Nähe, um produktiv zu sein.
profil:
Peter Gorsen, der Kunsthistoriker, der Sie von Anfang an ernst nahm, beschrieb Ihre frühe Arbeit als Beispiel für Walter Benjamins Foderung an "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit".
Sie selbst haben einmal das Originalkunstwerk als den "Edelabfall" bezeichnet, der nun einmal notwendig ist als Vorlage für die Ihnen wichtiger erscheinenden Reproduktionen. Das gilt aber offensichtlich schon lange nicht mehr. Sie stellen jetzt vorwiegend Originalbilder her.
Helnwein:
Da hat es auch so eine Zäsur gegeben. Mich haben lange Zeit die trivialen Qualitäten interessiert, die für die Kultur des 20. Jahrhunderts wichtig sind: Donald Duck, Comics, Rockmusik, Film. Reproduktion und Massenvervielfältigung. Ich habe mich ganz bewusst der Museumskunst verweigert und diese nicht einmal wahrnehmen wollen. Es war dann in der National Gallery in Washington, dass mir ein Bild von Kadinsky, - dessen Kringeln und Striche mir auf den Reproduktionen, die ich kannte, immer als besondere Scheisse erschienen - ein richtigen Schock versetzt hat. Dieses Gemälde hat vibriert, da war eine unglaubliche Energie konzentriert, und da habe ich gemerkt, es gibt Dinge, die man nicht reproduzieren kann, Qualitäten die sich nur durch das Original vermitteln.
profil:
Haben Sie damals auch Ihr Verhältnis zu Leonardo revidiert?
Helnwein:
Das war noch später. Ich bin erst vor etwa zehn Jahren zum erstenmal in den Uffizien in Florenz gewesen. Ich hatte vorher noch nie Renaissancebilder im Original gesehen und habe mir diese nun ganz distanziert angeschaut, ohne positive oder negative Vorurteile. Einfach so, wie man Arbeiten von Kollegen sieht und sich überlegt ,wie macht der das und welche Wirkumg erzielt er damit. Und da habe ich schockartig erfahren, was die Aura oder die Magie eines Originals ist. Die wird es immer geben. Trotz aller technischer Medien, trotz Cyberspace. Es wird immer neben dem Film das Theater und die Performance geben. Neben der CD den schwitzenden Rockmusiker auf der Bühne.
profil:
Ihre Bilder hängen inzwischen in anerkannten Museen, dem Folkwang-Museum in Essen, im Smithonian Institute in Washington. Besitzt das Museum moderner Kunst in Wien Helnweins?
Helnwein:
Nein, aber die Albertina hat Arbeiten von mir.
profil:
In der Ausstellung, die Sie gerade in der Dominikanerkirche in Krems vorbereiten, fallen ausgesprochene Grossformate auf, auch mehrteilige grossformatige Bilder. Was bedeutet Ihnen die Größe eines Bildes?
Helnwein:
Große Bilder sind eine Herausforderung, sie machen mir Spass. Ich habe inzwischen auch die Bedeutung von Räumen für Bilder erkannt, wie hier in dieser Kirche. Es gibt heute viel zuwenig Bilder, die für Räume gemacht werden.
profil:
Ihre Themen sind die gleichen geblieben, Ihre Ausdrucksmittel haben sich sehr erweitert: Es gibt die Fotografie, die nachgemalte eigene oder fremde Fotografie, die fotografierte Aktion, oder umgesetzt in Malerei, den grossformatigen Druck auf Kunststoff. Sie arbeiten mit dem Computer und nach wie vor mit dem Zeichenstift...
Helnwein:
Im Vordergrund steht immer das Thema. Ich bin Künstler geworden, weil ich Themen, die mich bewegt haben, vermitteln wollte, und habe nach Techniken gesucht, die das rasch und überzeugend umsetzen. Ich finde es herrlich, dass jetzt, am Ende des Jahrhunderts, alle Techniken, Stile und Medien gleichberechtigt nebeneinanderstehen. Dass sich der Künstler ihrer bedienen kann, ohne deswegen in Kategorien oder Hierarchien gezwängt zu werden.
profil:
Sie haben immer wieder Menschen fotografiert oder gemalt, häufig waren das gebrochene Portraits, die die Kehrseite von Medienidolen zeigten - Keith Richards, Andy Warhol, Michael Jackson. Eine Person aber hat Sie ganz besonders beeindruckt: Muhammad Ali, nach dem Sie sogar Ihren Sohn Ali genannt haben. Was hat Sie an diesem Boxer so fasziniert?
Helnwein: Die Kategorie Boxer fällt mir bei seinem Namen zuletzt ein. Muhammad Ali ist für mich ein begnadeter Performance-Künstler. Was er gemacht hat, ist für mich bedeutende Kunst: Wie er aufgetreten ist, wie er mit dem Medien gespielt hat, seine Posen, sein Gestus. Er war ein genialer Spassmacher, ein Dichter, Sänger, Tänzer. Denken Sie an den Ali-Shuffle.
profil:
An die Fransen an seinen Stiefeln, die im Fernsehen den Blick magisch auf sein Beinspiel gezogen haben.
Helnwein:
Mich hat fasziniert, wie viele Menschen da bei uns um drei Uhr in der Nacht gesessen sind, um diesen schrecklichen Kampf gegen Joe Frazier zu sehen...
profil:
Bei dem das amerikanische Fernsehen Alis Niederschlag wieder und wieder in Zeitlupe gezeigt hat, so als wolle man ihn tausend Tode sterben lassen.
Helnwein:
Das war blanke Rache für einen einzigen Satz, der zu den wichtigsten Aussagen dieses Jahrhundert gehört. Muhammad Ali hat als Schwarzer gesagt: "Ich bin der Grösste." Das durfte in Amerika kein Schwarzer sagen, aber Muhammad Ali hat es gesagt. Das war ärger als seine Namensänderung, sein Übertritt zum Islam und die Wehrdienstverweigerung im Vietnamkrieg. Wenn er, einer der charismatischsten, liebenswertesten und warmherzigsten Menschen, die ich je getroffen habe, sich jetzt mit seiner Parkinsons-Krankheit so erbärmlich dahinschleppt, so sehe ich darin die Rache der Gesellschaft am Künstler.
Gleichzeitig aber ist Muhammad Ali der Beweis dafuer, dass die Gesellschaft die Kunst ernst nimmt und fürchtet.
Interview: Horst Christoph
Die Ausstellung: APOKALYPSE. Malerei, Fotografien, computergenerierte Bilder von Gottfried Helnwein. Im Rahmen des niederösterreichischen "donau festival 99" in der Dominikaner Kirche Krems, 13. Juni bis 31. August, Di.-So., 10-19 Uhr.




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