Nowości
11 grudzień 2006
Die Welt
Kultur
Michael-Georg Müller
Der "Ring des Nibelungen" provoziert als blutrünstiges Tanzstück in Bonn.
Wagner im Schnelldurchgang
Kresniks aktuelle Bezüge zielen meist in Richtung moderner Kriege um Rohstoffe. So läuft am Anfang ein Video über brennende Ölfelder. Sie passen zu der wahren Bilderorgie, die Kresnik und sein renommierter Bühnenbildner Gottfried Helnwein entfachen. Der österreichische Maler, der es vor allem durch seine surrealen Kindergemälde zu internationalem Ruhm gebracht hat, lässt Funken sprühen, literweise Blut spritzen und verschärft noch Kresniks Wucht und Bilderwut.
Der Ring des Nibelungen
2006
Bonn - Haare, Brillen und Schuhe holt Alberich aus glühenden Öfen und wirft sie in Plastikschalen. Das finstere Spektakel wird bewacht von schwarzuniformierten Soldaten mit rotweißen Armbinden und einer kauernden Gestalt mit Hut, die an Porträts von Richard Wagner erinnert.
Nicht nur der Bayreuther Musiktitan, seine Frauen und seine Helden haben es Johann Kresnik angetan. Wenn der Bonner Choreograph sein neues und letztes Tanzstück auch "Ring des Nibelungen" nennt, so geht es ihm weniger um eine getanzte Fassung des größten Operngesamtwerks aller Zeiten. Vielmehr beleuchtet er die zahlreichen Aspekte und Figuren, die sich um den Mythos Wagner und Bayreuth ranken.
Bedeutend für den bekennenden Linken ist und bleibt die unglückliche Verquickung der Wagner-Weihefestspiele mit dem Naziregime. Und wie zu erwarten war, sind dem Berserker des modernen Tanztheaters, wie Kresnik genannt wird, für den kürzesten Ring aller Zeiten mächtig farbige, fleischige und provokante Bilder eingefallen. Da rieselt Goldregen auf das Haupt des Bösewichts Alberich, der den weißgetünchten Rheintöchter-Nymphen das Gold entreißt – mittels eines Vorschlaghammers. Dann thront er fauchend auf einem goldenen Reifen – Metapher für Rheingold und den Fluch der Welt.
Doch wenn Gasöfen lodern, geht es unvermittelt um Richard Wagners Antisemitismus. Plötzlich springt die Szene wieder um, ins Walhall: die Götterburg wird dargestellt als Krankenstation mit blutbeschmierten Wänden, an denen geschundene Soldaten gen Himmel gezogen werden.
Kresniks aktuelle Bezüge zielen meist in Richtung moderner Kriege um Rohstoffe. So läuft am Anfang ein Video über brennende Ölfelder. Sie passen zu der wahren Bilderorgie, die Kresnik und sein renommierter Bühnenbildner Gottfried Helnwein entfachen. Der österreichische Maler, der es vor allem durch seine surrealen Kindergemälde zu internationalem Ruhm gebracht hat, lässt Funken sprühen, literweise Blut spritzen und verschärft noch Kresniks Wucht und Bilderwut.
So tritt Göttervater Wotan (Tanzakrobat Patrick Entat) gleich in mehreren Gewändern auf: Mal kämpft er mit goldenem Speer gegen Alberich, mal erscheint er als hochdekorierter Militärdiktator oder als Chefarzt.
Die Liebesszene zwischen Wotan und seiner Lieblingstochter Brünnhilde ist genauso drastisch und dreist wie die Begegnung zwischen Siegmund und Sieglinde. Der Inzest zwischen den Geschwistern, von zwei nackten Männern dargestellt, mutiert zu einem homoerotischen Pas-de-deux. Das ist nicht nur Verfremdung, sondern ein verwegenes Wagnis.
Starker Tobak für stramme Wagnerianer bedeutet auch die Verknappung von "Rheingold" und "Walküre" auf 80 Minuten – zwei Musikdramen, die in Bayreuth mindestens sieben Stunden beanspruchen, verteilt auf zwei Abende. An den Fingern abzuzählen sind auch die wenigen Zitate aus Wagners Musik, die Gernot Schedlberger für seine Klangcollage für zwei Konzertflügel einfügte.
Für Irritation könnten auch die Filmdokumente der Staatsempfänge in Bayreuth sorgen, die zu Beginn des zweiten Teils eingespielt werden. Zunächst rollt Hitlers Limousine bei Winifred Wagner auf dem Bayreuther Hügel vor, später Konrad Adenauer, die Bundespräsidenten Lübke, von Weizsäcker und Rau – bis zur strahlenden Bundeskanzlerin Angela Merkel, Rudolf Mooshammer und Daisy nicht zu vergessen. Wenn die Szenen und Prozeduren auch erstaunlich ähnlich sind, so grenzt das an Regeln politischer Korrektheit. Doch darum hat sich Johann Kresnik noch nie gekümmert.
14., 16., Dez. 26., 28. und 30. Jan. Tel. 0228/ 778?008
Der Ring des Nibelungen
2006




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