Nowości
27 maj 2006
Süddeutsche Zeitung
Feuilleton
Oliver Fuchs
Helnwein bei der Arbeit
Anlässlich einer großen Gottfried-Helnwein-Ausstellung in Linz hat Oliver Fuchs den Künstler in seiner nebligen irischen Wahlheimat besucht.
Helnwein steht immer noch am Fenster und sagt: "Van Gogh war klinisch krank. Aber der Schöpfungsprozess war intakt. Interessant, oder?" Dann geht er zum Kamin und macht Feuer. Er trägt drei Goldketten, Turnschuhe sowie natürlich sein berühmtes schwarzes Stirnband. Gottfried Helnwein sieht aus wie ein zu viel Geld gekommener Gangsta-Rapper. Der Nebel vorm Fenster wird dichter. Regen prasselt auf den Rasen. Ein Dienstmädchen kommt herein, mit Servierwagen. Sie gießt Kaffee ein, der kontinentaleuropäisch, ja österreichisch schmeckt. "Wiener Melange"? "Einspänner"? "Kleiner Brauner"? Die Kellnerin spricht Österreichisch. Wahrscheinlich könnte sie aus dem Stand Marillenknödel zubereiten. Seltsam: Helnwein, glühender Österreich-Hasser wie Jelinek, Bernhard und jeder andere ernst zu nehmende österreichische Künstler, hat sich in Irland ein Privat-Österreich errichtet.
Gottfried Helnwein
2004
Der Spukschlossherr
Meist werden künstlerische Werke erst bekannt, wenn sie aufgeführt, im Buchhandel verkauft oder im Museum gezeigt werden. Dabei kann es genauso erkenntnisreich sein, die Kulturschaffenden in ihren Schreibkammern, Ateliers oder am Drehort zu besuchen, mitten in der Arbeit. In dieser Folge treffen wir Gottfried Helnwein in Irland.
Der Maler steht am Fenster und schaut nach draußen, in den Garten. Er steht da, eine, zwei, drei Minuten lang und knetet sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger. Dann sagt er: "Ich war auf derselben Akademie, die Hitler zweimal abgelehnt hat. Interessant, oder?" Der Maler spricht mit fester Stimme. Seine Sätze klingen wie gemeißelt. Man spürt den Impuls, sofort mit "Jaja", "Klar" oder "Selbstverständlich" zu antworten, ohne das Gesagte zu überprüfen.
Wir befinden uns in einem Schloss. Alles hoch herrschaftlich. Teppiche an den Wänden. Ölgemälde. Die Eingangshalle ist so groß wie der Hauptstadt-Flughafen eines Dritte-Welt-Staates. Draußen eine ausgedehnte Rasenfläche, an deren Ende zwei dicke Palmen in den Himmel ragen. Sind das Ihre Palmen, Herr Helnwein? "Ja." Und das Bambuswäldchen da hinten, gehört das auch noch zu Ihrem Garten? "Ja." Und die Mammutbäume am Horizont . . . "Ja."
Es ist ein bisschen wie im Märchen vom König Drosselbart.
"Herrlich", sagt der Burgherr. Sein Blick bohrt sich in die Landschaft. "Hier gehört er her." Wieder will man antworten mit "Jaja, klar, selbstverständlich", da bemerkt man, dass ja überhaupt nicht klar ist, wovon er spricht. Was ist herrlich? Wer gehört hierher?
"Der Nebel", sagt Gottfried Helnwein. Draußen hat es zu nieseln begonnen, und Helnwein sagt, dass er schlechtes Wetter liebt, seit er in Irland wohnt. Besonders den Nebel. Der Rasen ist grün. Grüner als grün. Hypergrün. Auf einem LSD-Trip sieht Rasen vermutlich so aus.
Stopp. So geht das nicht, sorry. Wir sind doch nicht nach Irland gefahren, um übers Wetter zu reden. Herr Helnwein, lassen Sie uns rüber in Ihr Atelier gehen! Ziel der Reise ist es herauszufinden, woher Helnwein seine grausamen Bilder holt. Ob der Mensch Helnwein vielleicht so ist wie seine Bilder: maßlos, manisch, brutal. Sagen wir ruhig: krank. Helnwein macht große österreichische Kaputt-Kunst. Die schonungslose Darstellung von Schmerz, Gewalt und Hässlichkeit hat Tradition in Österreich. Siehe: Hermann Nitsch und sein Blut-Theater; siehe Michael Haneke und seine sadistischen Filme über Sadismus; siehe Elfriede Jelinek; siehe Thomas Bernhard.
Wenn Kritiker über Helnwein schreiben, kommen gern mal die abgedroschensten Phrasen zum Einsatz: Er "provoziert und polarisiert"; spielt auf der "Klaviatur des Schreckens". Nun ja, das stimmte früher, als Helnwein mit seinen Bildern von Bandagierten und Verstümmelten Wirbel machte. Er war populär, Anfang der Achtziger. In jedem fortschrittlichen Jugendzimmer hing sein Selbstporträt mit Gabeln in den Augen. Er gestaltete Theaterplakate, Plattencover, Spiegel-Titel. Das Programm: "Kunst für den Kiosk". Nicht fürs Museum. Nicht fürs Feuilleton.
Kleiner Brauner?
Helnwein steht immer noch am Fenster und sagt: "Van Gogh war klinisch krank. Aber der Schöpfungsprozess war intakt. Interessant, oder?" Dann geht er zum Kamin und macht Feuer. Er trägt drei Goldketten, Turnschuhe sowie natürlich sein berühmtes schwarzes Stirnband. Gottfried Helnwein sieht aus wie ein zu viel Geld gekommener Gangsta-Rapper.
Schade, dass der Mann in Vergessenheit geraten, unsichtbar geworden ist. Einen wie ihn könnte man gut gebrauchen in der deutschen Kunstszene 2006. Es gibt aalglatte Kunst-Manager - Modell: Tim Eitel - , und es gibt urtümliche Typen wie Jonathan Meese, die gut darin sind, Tiefe und Leidenschaft durch ihre Frisur zu simulieren. Helnwein stochert mit dem Schürhaken in der Glut und bestreitet, dass er unsichtbar geworden ist. Er erzählt, dass das San Francisco Fine Arts Museum im Jahr 2004 seine Werke gezeigt hat, 130 000 Besucher sind gekommen und hinterher kürte der San Francisco Chronicle die Schau zur "besten Ausstellung eines zeitgenössischen Künstlers 2004". Außerdem läuft in seiner Heimat Österreich, im Lentos Kunstmuseum in Linz, gerade erfolgreich eine Retrospektive.
Helnwein, der Grafiker, heißt es. Helnwein, der Fotograf. Helnwein, der Aktionskünstler. Stimmt ja alles. Aber der Mann ist, verdammt nochmal, vor allem: Maler!
Helnwein zuckt mit den Achseln. "Who gives a shit?" Er sagt, dass ihm die Kunstszene gestohlen bleiben kann mit ihren "schwachsinnigen neo-dadaistischen Gags und Insider-Jokes". Das klingt auswendig gelernt, und doch überzeugend. Sean Penn hat Bilder von ihm zuhause hängen und Arnold Schwarzenegger, Marilyn Manson ist sein Freund - also was soll die Frage?
Aber vielleicht hat er sich dieses tolle Schloss und die Ländereien in der irischen Grafschaft Tipperary auch aus Trotz zugelegt. Damit er sich hier ein bisschen wie ein Malerfürst fühlen kann.
Der Nebel vorm Fenster wird dichter. Regen prasselt auf den Rasen. Ein Dienstmädchen kommt herein, mit Servierwagen. Sie gießt Kaffee ein, der kontinentaleuropäisch, ja österreichisch schmeckt. "Wiener Melange"? "Einspänner"? "Kleiner Brauner"? Die Kellnerin spricht Österreichisch. Wahrscheinlich könnte sie aus dem Stand Marillenknödel zubereiten. Seltsam: Helnwein, glühender Österreich-Hasser wie Jelinek, Bernhard und jeder andere ernst zu nehmende österreichische Künstler, hat sich in Irland ein Privat-Österreich errichtet.
Herr Helnwein, lassen Sie uns rüber in Ihr Atelier gehen! Doch er geht wieder ans Fenster. Draußen toben bellend zwei Schäferhunde, Anja und Olga. Zur Familie gehören außerdem: Gattin Renate, die er seine "Managerin und Verbindung zur Außenwelt" nennt; seine vier erwachsenen Kinder, darunter der Sohn mit dem lustigen Namen "Ali Elvis Donald Dagobert Lancelot" (eine Hommage an Helnweins Idole); und eine Katze namens "Kätzchen". Und woher kommt in dieser Idylle das Grauen, Herr Helnwein?
Nazi-Madonna ohne Augen
Es gibt einen Film aus den frühen achtziger Jahren, da sieht man ihn in seiner damaligen Wiener Wohnung an einem besonders scheußlichen Kindesmisshandlungs-Bild malen, während sein Nachwuchs sehr frechdachsig, Kinder-von-Bullerbü-haft um ihn herum tollt.
"Der Bilderschatz des Christentums ist voll mit Folterszenen", sagt Helnwein. "Interessant, oder?" Man denke nur an die geräderte Heilige Margarete, den gesteinigten Stefanus, sowie an Laurenzius, der geröstet wurde. Es folgt ein kleiner Vortrag über Christentum und Kunst (unter besonderer Berücksichtigung der Renaissance), der fundiert ist, wenn auch ein bisschen langatmig. Für Helnwein ist das Grusel-Repertoire des Abendlands jederzeit abrufbar. Draußen suppt der Nebel. Weil Helnwein-Bilder zu betrachten so schaurig ist wie "Aktenzeichen XY"-Gucken, erwartet man, dass da draußen jede Minute ein schreckliches Verbrechen passiert.
Im Atelier hängt das Bild eines Mädchens, sehr madonnenhaft, erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass sie eine Art SS-Uniform trägt. "Fast fertig", sagt Helnwein. Nur an den Augen müsse er noch a bisserl was machen. Beim Malen hört er Musik oder Hörbücher. Es liegt eine 24-CD-Box von John Lee Hooker herum sowie - ungelogen: Jelineks "Klavierspielerin". Mal-Blockaden? Gibt's nicht bei Helnwein. Eher fällt ihm zuviel ein. Er malt immer so 30 bis 40 Bilder gleichzeitig.
Alles normal also. Keine Abgründe. Was er zur Arbeit braucht: Musik, seine Familie, ein paar Hektar österreichisches Irland. Und Nebel. Interessant, oder?
Danke für den Kaffee, Herr Helnwein. Farewell. Beim Verlassen des Schlosses läuft man draußen gegen eine Nebelwand. Man denkt: Dochdoch, hier gehört er hin, selbstverständlich. Man hört ein Bellen. Dann: Knirschen. Röcheln. Krachen. Jetzt ist in die Kerrygold-Idylle doch noch das Grauen eingebrochen.
The Irish garden in fall
2006




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